IM GESPRÄCH MIT LENA SCHÄTTE
"In allem, was schön ist. In allem, was hässlich ist."
Die Stiftung Welt der Versuchungen hat die diesjährige Stadtschreiberin von Erfurt und Bachmann-Preisträgerin 2026 Lena Schätte eingeladen, für Thüringer Schüler:innen aus ihrem aktuellen Buch „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ (S. Fischer, 2025) zu lesen. Der autofiktionale Roman handelt von der Protagonistin „Motte“, die in sogenannten einfachen Verhältnissen aufwächst, deren Familienleben vom Alkoholkonsum des Vaters geprägt ist und die als Erwachsene letztlich selbst weit mehr trinkt, als ihr gut tut. Lena Schätte findet in dem Buch eine Sprache, die einfach und doch tiefgreifend ist, die die Themen Sucht und gesellschaftlicher Umgang mit Alkoholkonsum unbeschönigt, wuchtig und doch zärtlich auf den Punkt bringt. Die Autorin bietet so eine wunderbare Möglichkeit, um auch auf junge Menschen mit diesen schwierigen Themen zuzugehen. Vorab der Lesung hat die Stiftung Welt der Versuchungen mit Lena Schätte gesprochen über die Wirkung ihres Buches, Vorurteile gegenüber Suchterkrankten und die Aufgabe von Literatur.

Frau Schätte, wir sind hier auf dem Gelände der Jederkann-Galerie in Erfurt. Wieso haben Sie sich diesen Ort für unser Gespräch ausgesucht?
Für mich war die Jederkann-Galerie ein sehr geliebter Ort in meiner Zeit in Erfurt, weil Künstler:innen zusammenkommen und hier kreativ arbeiten.
Literatur und Kunst generell speisen sich aus der Gesellschaft, wirken aber auch wiederum in die Gesellschaft hinein. Welche Wirkung haben Sie von ihrem Buch gewünscht – vor allem vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Akzeptanz von Alkohol in Deutschland?
Im Schreibprozess selbst habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht – außer, dass ich mir vielleicht gewünscht habe, etwas mehr Empathie zu erzeugen für dieses Thema, indem ich eine Lebensrealität abbilde, die für mich noch nicht so viel Raum hat in der Literatur. Als ich dann aber später mit dem Buch auf Lesereise war, gab es viele Menschen, die nach der Lesung zu mir gekommen sind, um mir etwas aus ihrer Biografie zu erzählen und aus ihrem Bezug zum Suchtthema. Und natürlich kannte ich vorher die Zahlen und ich wusste, ungefähr 3 Millionen Kinder wachsen momentan in suchtbelasteten Familien auf. Und in den vergangenen Jahrzehnten waren die Zahlen nicht viel besser, also tragen jetzt viele Erwachsene diese Themen mit sich herum. Und diese dann in den Lesungen vor mir stehen zu haben, hat mir ganz oft das Gefühl gegeben, dass der Text einen Raum aufgemacht hat, über diese Dinge zu sprechen, die sonst schwer besprechbar sind. Und das war schön!
Sie haben als Psychiatrie-Krankenschwester mit Suchtkranken gearbeitet. Welche Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Suchtkranken und Sucht müssen dringend überwunden werden? Unter welchen Stigmata leiden aus Ihrer Erfahrung die meisten Suchtbetroffenen?
Ich habe das Gefühl, dass das Narrativ, das wir gesellschaftlich davon haben, wie jemand aussieht und wie jemand lebt, der suchterkrankt ist, noch sehr alt und verkrustet ist. Wir denken oft, das ist jemand, der die Kontrolle über sein Leben verloren hat und total heruntergekommen ist. In der Realität ist es aber so, dass sich Suchterkrankungen durch alle sozialen Schichten ziehen und vor niemandem Halt machen. Das ist etwas, das wir verstehen müssen. Ich habe ganz oft das Gefühl, es fehlt die Empathie im Umgang miteinander und wir sehen nicht, dass es eine Erkrankung ist und es nichts mit Willensschwäche oder Schuld zu tun hat. Und Diskriminierung findet dann in allen Lebensbereichen statt, sei es in Arztpraxen, im öffentlichen Raum, bei der Wohnungssuche, bei ganz alltäglichen Dingen.
Darf Kunst bzw. Literatur alles aussprechen, was sonst unter den Teppich gekehrt wird?
Ich glaube, das ist sogar die Aufgabe von Literatur: Lebensrealitäten abbilden in allem, was schön ist und was sich vielleicht beim Lesen gut anfühlt, aber auch in allem, was hässlich und was schwierig auszuhalten ist.
Sie haben einmal gesagt, dass Betroffene manchmal ihre ganz eigene Sprache ausbilden. Wie meinen Sie das und wie spiegelt sich diese „Sprache Betroffener“ in Ihrem Buch wider?
Ich habe in den Jahren als Psychiatriekrankenschwester ganz viele Gespräche geführt mit betroffenen Familien. Auch auf Lesereise rede ich mit ganz vielen betroffenen Menschen. Ich habe schnell gemerkt, dass es eine ganz bestimmte Sprache gibt über gewisse Zustände in den Familien zu sprechen – dass manche Dinge ganz geradeheraus ausgesprochen werden und über andere eher geschwiegen wird. Manchmal brechen Sätze in der Mitte ab und alle nicken unisono und wissen, was gemeint ist. Manche Dinge kleiden sich in Humor, weil es vielleicht einfacher ist, darüber zu lachen, dass Papa gestern besoffen die Treppe heruntergefallen ist, als das in der ganzen Wucht und der Scham zu beschreiben, die es trägt. Diese Sprache und die Sprachlosigkeit ist dann fester Bestandteil meines Romans geworden.
Wie hängt Ihrer Meinung nach das Aufwachsen in einer prekären Situation oder das Leben mit prekärer Arbeit mit der Wahrscheinlichkeit, eine Sucht auszubilden, zusammen?
Zum einen gibt es natürlich eine genetische, biologische Erblichkeit für gewisse psychologische Erkrankungen. Aber es gibt auch eine sozial vererbliche Komponente, schon allein im Trinkverhalten: Was bringen wir unseren Kindern bei, welche Normalität hat Alkohol im Alltag? Bei meiner Hauptfigur Motte ist es so, dass es einen Wunsch gibt, sich aus dem problematischen Familienleben und der prekären Arbeit heraus zutrinken und sich mal einen Moment nicht zu fühlen und diese negativen Gefühle, die mit den Lebensumständen verbunden sind, abzugeben.
Über Sucht zu sprechen, wird oft als „Downer“ wahrgenommen, das erfahren Sie auch hin und wieder in Ihren Lesungen. Über welche Aspekte könnte man indirekt zu dem Thema ins Gespräch kommen, sodass die Menschen sich inspiriert statt runtergezogen fühlen?
Wahrscheinlich ist es in sich einfach kein unterhaltsames, fröhliches Thema, aber ich finde das können wir aushalten. Betroffene müssen das auch aushalten. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, warum sie weiter trinken möchten, sei es nur im Wochenendrahmen oder auch mit einer Suchterkrankung, höre ich ganz oft Dinge wie: Ich möchte mal aus mir herausschlüpfen, ich möchte mal locker sein und ausgelassen tanzen. Oder vielleicht traue ich mich mit Alkohol, die Person anzusprechen, die ich sonst nüchtern nie ansprechen würde. Das ist total nachvollziehbar für mich, aber dann frage ich mich, warum schaffen wir das alles nüchtern nicht? Und wenn wir uns mehr mit Themen wie Rollenbildern und generell psychischer Gesundheit beschäftigen und mit den Fragen „was kann ich für mich tun, um meine Gefühle zu regulieren, wie kann ich besser mit mir umgehen auf eine sorgsame Weise?“, ich glaube, das würde schon einiges entlasten.
Ist das auch ein Weg, mit jüngeren Menschen wie Schüler:innen leichter ins Gespräch zu kommen?
Ich denke schon. Dabei ist es wichtig nicht moralisierend zu werden, sondern einen Raum für Fragen und Austausch aufzumachen. Und auch Jugendlichen kann man dabei schon zutrauen über Dinge wie soziale Ungleichheiten, Mehrbelastungen und Stigma zu sprechen, sind doch so viele längst direkt oder indirekt davon betroffen.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Schätte. Wir freuen uns auf Ihre Lesung!